Chorverband Hamburg

Chorverband Hamburg e.V.

Jungs, die mit der Stimme Tore schießen

Hamburger Knabenchor St. Nikolai

Es ist ein heilloses Gewusel, das an diesem Nachmittag im Gemeindehaus von St. Nikolai herrscht. Kleine und große Jungen strömen die Treppen hinunter nach draußen, Luft schnappen. Die Temperaturen sind seit einigen Tagen sommerlich hoch, da wird es leicht stickig im großen Gemeindesaal.

In einer Ecke vor der Kirchentür sammelt sich ein kleines Grüppchen um ein Smartphone, andere haben einen Ball dabei und kicken. Nichts scheint diese Jungen von denen zu unterscheiden, die ein paar Straßen weiter auf dem Weg zum Fußballtraining sind – dieselben lässigen Frisuren, dieselben angesagten Klamotten. Und doch ist hier alles ganz anders, denn in wenigen Wochen wird hier keiner mehr Jeans tragen, sondern lange rote Kutten. Dann wird aus den coolen Eppendorfer Jungs ein Knabenchor, der seine Zuhörer in die Musikwelt früherer Jahrhunderte entführt. Auch die Kleinsten in diesem Chor beherrschen das auf Latein gesungene Requiem von Mozart, die gewaltigen Johannes- und Matthäus-Passionen von Bach, die hebräischen Texte der „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein. Demnächst steht die As-Dur Messe von Franz Schubert auf dem Programm, mit der Schubert das Höchste seiner Kunst zeigen wollte.

Damit sie gut wird, die Schubert-Messe, erscheint Rosemarie Pritzkat an der Tür, die Chorleiterin. „Jungs, hoch mit euch!“, ruft sie und klatscht in die Hände. „Telefone weg!“ Tatsächlich verschwinden die Smartphones in den Taschen, es gibt ein Gedränge die Treppen hinauf, etwa zwei Minuten lang, dann ist aus der Gruppe von etwa 50 Jungen zwischen zehn und 15 Jahren wieder eine einheitliche Mannschaft geworden. Wo eben noch geschubst und Fußball gespielt wurde, stehen sie nun in Choraufstellung, aufrecht und konzentriert, das Notenheft in den Händen. Auf ein Zeichen von Rosemarie Pritzkat setzen Töne ein, die man aus den Kehlen von Kindern nicht für möglich gehalten hätte. Vier- manchmal fünfstimmig singen sie, voll konzentriert, glockenklar. „Sanctus, Hosann in excelsis deo“.

Von diesem Klang eines Knabenchors bleibt kaum jemand, der ihn zum ersten Mal hört, unberührt. Und tatsächlich ist er durch nichts zu ersetzen, sagt Rosemarie Pritzkat, als die Probe eine Stunde später beendet ist. „So können nur Jungen singen, bevor sie in den Stimmbruch kommen“, erklärt sie. „Dieser klare metallische, engelsgleiche und gleichzeitig so starke Klang.“ Nicht musikalische Gründe allein haben ursprünglich jedoch zur Gründung von Knabenchören geführt, erläutert die Chorleiterin. „In dem Alter, in dem die Knaben hier anfangen, also mit sieben, acht Jahren, orientieren sie sich an archaischen Vorbildern. Sie wollen sich durchsetzen, die Besten sein. Gleichzeitig sind aber Mädchen in ihrer Entwicklung weiter.“ Traurige Realität an vielen Schulen: Aus dem Kinderchor wird schnell ein Mädchenchor.

Dass Singen jedoch viel mit Männlichkeit zu tun habe, sei für viele eine ganz neue Erfahrung. „Ein Solist empfindet bei einem Konzert nichts anders als ein Fußballer, der ein Tor geschossen hat. Nur eben nicht mit dem Fuß, sondern mit seiner Stimme.“ Anders als das Kicken, so ist sich die Musikerin sicher, spreche die Chorarbeit jedoch nicht nur einen Ausschnitt, sondern das ganze Repertoire der männlichen Gefühlswelt an.

Was Rosemarie Pritzkat in ihren mittlerweile 27 Jahren als Chorleiterin beobachtet hat, ist mittlerweile wissenschaftlich bestätigt: Singen, zumal das Singen in Gemeinschaft, fördert laut Studien die physische und psychische Gesundheit von Kindern. Dass diese und andere Ergebnisse in der gesellschaftlichen Diskussion um die notwendigen neuen Vorbilder für Jungen kaum eine Rolle spielten, ist deshalb auch vielen Pädagogen ein Ärgernis. Denn Untersuchungen zeigen: Gerade für die Vertreter des „starken Geschlechts“, das zeigen Untersuchungen, hat Gesang etwas außerordentlich Anziehendes. Der Grund: Im Chor erfahren Jungen einerseits das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit, weil die Modulation der Stimmbänder eine Form extremer Körperbeherrschung voraussetzt. Andererseits machen sie die Erfahrung, dass sie gemeinsam mit anderen etwas Großartiges schaffen können, was ihnen alleine nicht gelingen würde. Und mehr noch als Mädchen scheinen Jungen davon zu profitieren, dass ihnen das Singen Zugang zur eigenen Gefühlswelt verschaffe – eine Gelegenheit, die sich ihnen im Alltag nur allzu selten bietet. Im Gehirn der Jungen, so die Theorie der Wissenschaftler, entstehe durch diese Glückserfahrung eine regelrechte Sucht, die sie vor späteren Süchten im besten Fall sogar schützen könne.

Weitere Informationen

www.hamburger-knabenchor.de


 
Nach oben

Um Ihr Website-Erlebnis zu personalisieren und zu verbessern, werden Cookies verwendet. Mit der Nutzung unserer Seiten erklären Sie sich hiermit einverstanden. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutz-Erklärung.

Hinweis schließen