Chorverband Hamburg

Chorverband Hamburg e.V.

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„Fusionen sind Chancen“

Kreisvorsitzende Marita Sannmann plädiert dafür, offen für Modernes zu sein

Singen gehört für Marita Sannmann einfach zum Leben dazu. Die 61­Jährige ist seit mehr als 40 Jahren Mit­glied in der Liedertafel Har­monia Ochsenwerder, enga­giert sich seit 18 Jahren im Chorverband Hamburg als Kreisvorsitzende Vier­- und Marschlande.

Doch die Gemeinschaft (18 Chöre im Kreis, davon zwei Kinderchöre) brö­ckelt. Gerade hat sich mit dem Damensingkreis Loreley Al­tengamme ein Chor aufgelöst. Andere proben zwar noch, tre­ten aber nicht mehr auf – wie die Liedertafel Amicitia. Über­alterung, Nachwuchsmangel, Chorsterben: Wird die Chor­landschaft zur Wüste? Oder sind Oasen in Sicht?

Marita Sannmann weiß um die Probleme und ist offen für neue Impulse. Die Stichworte: Flexibel sein, Neues probieren, moderner werden. Wer nur al­te Lieder singe, könne kaum junge Menschen für das Chor­singen gewinnen. Es gelte, auch peppige Arrangements auszuprobieren und ebenso das Choroutfit zu überdenken. Ein buntes Tuch oder Top, ein farbiges Hemd und mal die Krawatte weglassen – das können alle ohne viel Aufwand bewerkstelligen. „Und frisch sieht es dazu auch noch aus“, sagt Marita Sannmann.

Männerchöre tun sich schwer

Fusion und Kooperation sind weitere Stichwörter. Für das Chorfestival im Haus im Park (15. bis 17. September) bei­ spielsweise finden sich Lieder­tafel Harmonia, Gesangsverein Harmonie Kirchwerder­Sande und Damenchor 2000 als „Chorgemeinschaft Elbe­strand“ zusammen. Andere Chöre haben schon dauerhaft fusioniert, etwa Flora­Edel­weiß oder Frohsinn­Melodia. Doch es gibt ungeahnte Hürden für Kooperationen. Noch immer tun sich Männerchöre schwer, auch Frauen aufzu­nehmen oder in einem ge­mischten Chor zu singen. Tatsächlich sind die Arrange­ments unterschiedlich, und es bedarf es einer gewissen Neu­gierde und Freude auf etwas Neues. Schließlich hemmen unterschiedliche Probentermi­ne und Dirigenten manchen Zusammenschluss. „Fusionen sind Chancen. Man muss es nur wollen“, sagt Marita Sann­mann.

Für den einen voller Tradi­tion und schützenswert, für den anderen altbacken und von vorgestern: die Chorna­men. Liedertafel oder Sing­kreis erreichen junge Men­schen nicht – „Soul & more“ oder Popchor schon eher. „Mittlerweile gibt es auch Chöre für Menschen, die mei­nen, nicht singen zu können, oder extra für Senioren“, er­zählt Marita Sannmann. So probt in Berlin der „Ich kann nicht singen Chor“, und in Gruppen 65+ „ist man nie zu alt“, sagt Sannmann.

Singen macht Spaß

Modern sind Projektchöre oder offene Singgruppen, „die aber mit der eigentlichen Chorarbeit nicht mehr viel zu tun haben“, sagt Marita Sann­mann. Zwar treffen sich viele Menschen zum fröhlichen, meist einstimmigen Singen, „und das macht auch viel Spaß“, sagt die Kreisvorsitzen­de. Doch das sind unverbindli­che Runden. „Ein zielgerichte­tes Arbeiten ist so nicht mög­lich“, sagt Sannmann – etwa mehrstimmige Chorsätze ein­zuüben. Auch die Choreogra­fie der Auftritte sei wichtig, werde von den Chören aber meist noch zu zaghaft ange­nommen: „Lächeln, nur im absoluten Notfall aufs Noten­blatt schauen, sich zur Musik bewegen, all das gehört dazu“, weiß Marita Sannmann.

Frischer Wind könnte auch den Vorstandsformen gut tun, findet die Kreisvorsitzende: „Heute will keiner mehr die Last eines ersten Vorsitzenden tragen.“ Nicht nur in den Chö­ren, auch im Verband hapert es. Ausgerechnet der Posten des Jugendreferenten ist vakant; eine Nachfolge für Präsi­dentin Gertrud Schüttler, die kürzlich verstarb, nicht in Sicht. Es werde immer schwie­riger, Ehrenamtliche zu fin­den. „Vielleicht sind Teamvor­stände oder projektbezogenes Engagement Lösungsmöglichkeiten“, sagt Marita Sann­mann. Im Vorstandsteam könnten Arbeiten besser ver­teilt werden. Zwei, drei Leute könnten ein Projekt betreuen, müssen aber nicht über das Jahr alles machen. Nicht zu­letzt mangelt es an öffentlicher finanzieller Unterstützung. Hamburg stellt den deutsch­landweit kleinsten Verband, „in Niedersachsen oder Nord­rhein-­Westfalen läuft das ganz anders“, sagt Marita Sann­mann. Da sei auch mal Geld da, um etwas anzuschieben.

Doch einen Abgesang stimmt Marita Sannmann nicht an. Im Gegenteil. 20.000 Chöre gibt es im Deutschen Chorverband, noch einmal so viele, die anders angesiedelt sind (Schulen etwa), dazu etwa 15.000 Kirchenchöre. „Chormusik lebt. Singen för­dert die Konzentration und tut Seele und Körper gut. Wer sich bei Hamburger Schmud­delwetter aufgerafft hat und zur Chorprobe gegangen ist, kommt erfrischt, beschwingt und einen Ohrwurm summend wieder nach Hause. Das ist einfach ein wunderbares Glücksgefühl“, sagt Marita Sannmann.

Offenes Singen mitmachen

Jede Chorprobe bietet die Ge­legenheit, einmal mitzuma­chen. Zudem bieten drei Chöre aus dem Kreis Vier­- und Marschlande im September ein „offenes Singen“ an: Frauenchor der Liedertafel Frohsinn Allermö­he­Reitbrook, am Montag, 18. September, ab 18:45 Uhr und da­nach der Popchor dieser Lie­dertafel ab 20:30 Uhr, Drei­einigkeitskirche, Allermöher Deich 97. Außerdem Liederta­fel Concordia Tatenberg (Männer), 26. September, 20 Uhr, Fährhaus Tatenberg, Ta­tenberger Deich 162.

Bericht und Foto: Wiebke Schwirten, Bergedorfer Zeitung/Lauenburgische Landeszeitung. Mit freundlicher Genehmigung.

 
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